10 FRAGEN AN JAN SCHAWE

Als Hommage an hausgemachte Feinkost gedacht, hat sich das Mutterland schnell zu einem Tempel für Slowfood-Liebhaber und Delikatessen-Trendsetter entwickelt. Wir haben den Gründer Jan Schawe zum Interview getroffen und ihm 10 Fragen gestellt.

Foto: Klaus Frahm, Maurice Kohl, Hans Ripa, C.Heinrich 



Als Mensch der über den Tellerrand hinwegschaut, möchte ich aber auch fair mit meiner Umwelt umgehen…



02. Mit der Gründung von Mutterland wolltest du deine Lebensphilosophie zum Beruf machen. Hat das aus deiner Sicht geklappt?


JAN SCHAWE: In vielen Bereichen ja. Mir war es wichtig meine beiden gefühlt konträren Lebensstile zusammenzuführen. Als typischer Großstädter möchte ich, wenn ich mir etwas kaufe, Spaß und ein Erlebnis haben, dazu erwarte ich aber selbstverständlich auch eine gute Qualität. Als Mensch der über den Tellerrand hinwegschaut, möchte ich aber auch fair mit meiner Umwelt umgehen und damit meine ich Menschen, Tiere und die Natur. Das ist oft mit dem erst genannten Lebensstil nicht möglich. Entweder ist es einem egal, wie die Turnschuhe hergestellt werden oder man muss zum Ökoaktivisten werden, der angestrengt und verbissen durchs Lebens läuft. Ich möchte Spaß haben und glücklich sein ohne dabei oberflächlich und blind durch das Leben zu rennen. Unser westlicher Lebensstil darf aber nicht auf dem Rücken und auf Kosten anderer aufgebaut sein. Mit Mutterland bin ich einen Schritt in die richtige Richtung gegangen, ohne unseren Kunden das tag täglich auf die Nase binden zu wollen. Einen moralischen Zeigefinger mag schließlich niemand - und einkaufenaus Mitleid auch nicht.


Ich bin stolz darauf, was wir in den letzten Jahren mit Mutterland erreicht haben und dabei geht es mir nicht um unsere Jahresumsätze. Wir sind Heimat von tausenden Delikatessen, die alle in Deutschland verarbeitet und hergestellt sowie fair gehandelt werden,  in denen steckt viel Geschmack und Seele.


03. Vor dem Mutterland warst du Designer und Gastronom. Klingt nach einer perfekten Berufsvoraussetzung, um auf die Idee des Mutterlandes zu kommen. Wie kamst du denn darauf und inwiefern schlagen noch immer zwei Herzen in ihrer Brust?


JAN SCHAWE: Ja, und ich bin es noch immer. Parallel zum Mutterland führe ich noch meine Agentur WE LOVE DESIGN, mit der ich sporadisch den Handel, die Gastronomie und einige Lifestylemarken berate. Hauptberuflich mache ich jedoch das Mutterland. Hier geht es mir darum inhabergeführte Manufakturen zu fördern, unsere Ernährungssouverinität zu stärken. Die immer größer werdende Macht großer Konzerne finde ich manchmal Besorgniserregend! Es ist nicht gut, dass einige wenige Konzerne die weltweite Ernährungsindustrie dominieren und steuern. Ich verstehe Mutterland allerdings nicht als Gegner der Großen sondern als eine kleine Ergänzung oder Bereicherung.



Es wird halt heutzutage lieber kopiert als selbst entwickelt.



Das Mutterland ist die moderne Interpretation eines Feinkosthandels, der dank angeschlossener Gastronomie und ausgezeichneter Küche das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet. Wer eigentlich nur einen Kaffee trinken wollte, stöbert doch noch kurz ein bisschen zwischen Schokolade und sonderbarem Gin und wer eigentlich nur kurz ein heimattypisches Präsent erstehen wollte, trinkt doch noch schnell einen Cappuccino oder Flat White zu einem köstlichem Stück Kuchen, wie von Muttern selbst gebacken.  Ein Ort an dem man kommt, um zu bleiben. Klingt nach einem genialen Konzept? 

01. Das erste Mutterland hast du 2007 in St. Georg eröffnet. War die Standortwahl ein Zufall oder ganz bewusst gewählt, um solch ein Konzept in Hamburg zu starten?


JAN SCHAWE: Wir mögen lebendige Stadtteile und St. Georg und die Gegend um den Hamburger Hauptbahnhof sind ein solcher. Hier herrscht ein aufregender Mix vieler Kulturen und Menschen. Wir mögen die Nachbarschaft mit den Hotels, Theatern und Museen und fühlen uns hier von Anfang an pudelwohl!! 


Denn Mutterland ist ein Ort, an dem jeder willkommen ist, kein elitärer Platz für ausschließlich die oberen 5%. Gute Lebensmittel und den kleinen Luxus für Zwischendurch möchte sich schließlich jeder einmal gönnen, oder?



Wir sind der einzige Delikatessenhändler, der sich nur auf Delikatessen „Made in Germany“ spezialisiert hat...



04. In deinen Regalen findet man immer wieder Neues und Seltenes. Zum Beispiel Schnaps aus dem Schwarzwald oder Grillsoßen aus Berlin. Wo spürt ihr all diese tollen Geheimtipp-Produkte auf und wie habt ihr eine Nase dafür entwickelt, was ein Verkaufsschlager werden könnte?


JAN SCHAWE: Das hat sich drastisch in den letzten Jahren geändert. Früher bin ich wie ein Trüffelschwein ständig auf der Suche nach Neuem gewesen. Vor dem Start von Mutterland, habe ich zwei Jahre intensiv mein Sortiment zusammengestellt. Mittlerweile genießen wir mit Mutterland deutschlandweit einen sehr guten Ruf. Wir sind der einzige Delikatessenhändler, der sich nur auf Delikatessen „Made in Germany“ spezialisiert hat. Wir sind so zu sagen die Experten und auch das Original - daher stellen sich mittlerweile viele Manufakturen von alleine bei uns vor.


05. Trotz deiner Exklusivität auf Augenhöhe mit den Produzenten und Lieferanten zu sein, ist eines deiner Unternehmens-Maxime. Wie sieht die Umsetzung in deinem Geschäftsalltag aus?


JAN SCHAWE: Ja, unsere Lieferanten leben von Mutterland und wir von ihnen. Es geht nicht darum, den anderen zu übervorteilen. Bei uns gibt es keine Listungsgelder, Werbekostenzuschüsse oder einen unfairen Druck beim Einkaufspreis. Es gibt Manufakturen, von denen verkaufe ich mittlerweile die 10fache Menge wie am Anfang, dennoch gehen wir nicht hin und sagen „entweder bekommen wir die Ware günstiger oder wir nehmen jemand anderen“. Mir sind langfristige Partnerschaften wichtig, ich möchte die Manufakturen und deren Inhaber kennen, ich suche den Dialog und wir tauschen uns oft sehr intensiv aus. Da ich aus dem Marketing und Handel komme, wünschen sich auch manche Inhaber mein Feedback bevor sie ein Produkt auf den Markt bringen. Viele unserer Lieferanten sind echte Überzeugungstäter, unwahrscheinliche Genies, wahre Helden, die mit Herzblut und aus Überzeugung handeln. Ich bewundere sie und bin wirklich stolz mit ihnen so eng zusammenarbeiten zu dürfen.


06. Das Mutterland hat den klaren Aufwärtstrend und das gestärkte Bewusstsein für die heimische Küche und regionale Produkte maßgeblich mitgeprägt. Wie siehst du kommende Trendentwicklungen in der Branche?


JAN SCHAWE: Das kann man so nicht sagen. Wir waren da, bevor der Trend Regionalität und die heimische Küche in den Medien und im Alltag angekommen waren. Ich würde sogar behaupten, wir haben diesen Trend mit wenigen Anderen in Deutschland überhaupt zum Thema gemacht. Unzählige Vorstände, Agenturen und Experten der Foodbranche waren bei uns und haben den ganzen Laden abfotografiert oder Musterkäufe vorgenommen. Es gab unzählige nationale und internationale Presseartikel über das Mutterland und der Deutsche Einzelhandelsverband hat uns schon vor Jahren zum besten Foodkonzept des Jahres gewählt. Aber wie bereits gesagt, die Idee zu Mutterland war mein Lebensstil und ich hatte keinen Trendgedanken. Trends kommen und gehen – und das immer schneller. Qualität bleibt, zumindest manchmal (lacht). Es macht einfach Sinn, Waren und Güter nicht unnötig viel um die ganze Welt zu transportieren. Wir hinterlassen unseren Kindern eh schon große Altlasten.



Trends kommen und gehen – und das immer schneller. Qualität bleibt!



07. Auch online bist du mit dem Mutterland unterwegs. Aber ist und bleibt das Delikatessengeschäft nicht ein offline-Geschäft? Riechen, schmecken, probieren und die persönliche Beratung. Was sagst du?


JAN SCHAWE: Ja, du hast Recht. Die Kunden lieben es zu uns in die Geschäfte zu kommen und einfach zu stöbern – oder den frischen Kuchen und die hausgemachten Franzbrötchen aus unserer Backstube zu probieren und mit nach Hause zu nehmen. Mutterland bietet als Delikatessenhändler mit realen Geschäften einen entscheidenden Vorteil gegenüber den vielen seelenlosen Onlineplattformen. Man kann zu uns kommen, sich persönlich beraten lassen, die Produkte anschauen, anfassen und riechen. Dennoch, und jetzt spreche ich als Experte meiner Markenagentur und nicht als Inhaber von Mutterland, wird sich der Einzelhandel in den nächsten Jahren drastisch ändern. Der klassische Offlinehandel wird - bis auf ein paar Ausnahmen - ohne eine gute Onlinepräsenz nicht mehr funktionieren. Jetzt einzuschlafen wäre fahrlässig. Ich habe nicht nur die Verantwortung gegenüber meinen Lieferanten, sondern auch monatlich für gut 90 Mitarbeiter und deren Familien. Man muss am Ball bleiben und darf nicht darauf warten, bis die großen amerikanischen Onlineanbieter auch hier den Markt komplett schlucken und dann noch nicht einmal ihre Gewinne bei uns versteuern.



Es ist nicht gut, dass einige wenige Konzerne die weltweite Ernährungsindustrie dominieren 
und steuern.



08. Der Deutsche gilt ja als eher unaufgeschlossen Neuem gegenüber, aber hast du mit dem Mutterland vielleicht genau den Nerv getroffen, dass vielen im normalen Supermarkt der Tante-Emma-Ladencharakter fehlt? 


JAN SCHAWE: Wir verstehen uns als moderner Delikatessenhandel und nicht als das verniedlichte Tante Emma Geschäft, welches einem die gute Alte Zeit vorgaukelt. Diese Zeiten sind vorbei. Der Supermarkt bedient ganz andere Bedürfnisse als das Mutterland. Das ist überhaupt nicht vergleichbar, auch wenn sich das eine oder andere Produkt mal im Ausnahmefall im Sortiment überschneidet. In den Supermarkt gehe ich doch für den täglichen Bedarf. Hier kaufe ich Mehl, Zucker und alle anderen Lebensmittel für den alltäglichen Gebrauch und nicht unbedingt den Premium Obstbrand aus Bayern.


09. Soll das Mutterland ein Hamburger Konzept bleiben oder willst du auch in andere Städte oder gar Länder expandieren?


JAN SCHAWE: Das werde ich fast täglich gefragt und da bin ich hin und her gerissen. Mich langweilen die heutigen Innenstädte. Egal ob man in Hamburg, München, London oder New York ist, es wird immer austauschbarer. Zara, H&M, Vapiano, Apple... Egal ob ich eine Marke gut finde oder nicht, es wird immer monotoner und austauschbarer. Und auch die sogenannten individuellen Konzepte werden immer ähnlicher. Alle lesen die gleichen Lifestyleblogs, Trends setzen sich innerhalb von Monaten weltweit durch und dann passiert es, dass in Zürich, Washington oder in Kapstadt nur noch geklonte Läden und Copycat Konzepte aufpoppen. Es wird halt heutzutage lieber kopiert als selbst entwickelt.
Daher bleibt Mutterland Hamburg erst einmal treu. So haben wir vor kurzem das denkmalgeschützte Restaurant Cölln’s am Hamburger Rathaus übernommen. Dieses Kleinod an Restaurant gibt es bereits seit 1760 und ist Deutschlands älteste Austernstube. Berühmtheiten wie Hans Albers, Heinrich Heine, Otto von Bismark aber auch Helmut Schmidt speisten schon hier. Wir haben die 30.000 handbemalten Fliesen von 1890 und die historischen Separees selbstverständlich erhalten – dennoch wollten wir diesen Ort respektvoll ins Hier und Heute transformieren. Es war sehr viel Arbeit – aber es hat sich gelohnt! Wir bieten täglich Frühstück, Lunch, Kaffee und Kuchen sowie eine fantastische Abendkarte an. Wer noch nicht da war, sollte unbedingt vorbeischauen...


10. Welche Weiterentwicklung würdest du dir für das Mutterland wünschen?


JAN SCHAWE: Dass ich unserer Linie treu bleibe und wir weiterhin auf Qualität statt Quantität setzen. Ich möchte stolz auf das Mutterland sein. Weder habe ich einen der bisher mehr als 300 Franchiseanfragen noch Übernahmeangebote großer Firmen angenommen. Ein gutes Gespräch mit meinen Mitarbeitern oder ein handgeschriebener Brief von einem glücklichen Kunden sind für mich größeres Glück als ein Sportwagen in der Garage...


FAIR TRADE

Das gesamte Mutterland Konzept basiert auf Fairness. So zahlen wir beispielsweise dreimal mehr für den Kakao als man für geprüften Fairtrade Kakao zahl.

WUSSTEST DU...

... dass Jan Schawe in Hamburg, Eppendorf geboren wurde. Jan Schawe ist Kommunikationswirt, führt neben dem Mutterland seine Designagentur (www.welovedesign.net), die sich auch für das gesamte Interior-, Corporate- und Verpackungs-Design von Mutterland verantwortlich zeigt. Jan Schawe liebt Hamburg, aber auch Berlin, München und das Meer. Er schätzt die Spaziergänge mit seinem Hund Gustav und er liebt es, von seiner Mutter bekocht zu werden.